Die Fahrradpumpe als Symbolpolitik

Was die neue ADAC-Service-Station über die Indener Tourismuspolitik verrät.

Die Gemeinde Inden hat am Indemann eine neue ADAC-Fahrradservice-Station eingeweiht. Dagegen ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Eine frei zugängliche Reparaturstation mit Luftpumpe und Werkzeug ist für Radfahrer ein sinnvoller Service. Der ADAC errichtet solche Stationen seit 2024 an zahlreichen Standorten in Nordrhein-Westfalen, unter anderem auch in Jülich. Dass nun auch am Indemann eine solche Säule steht, ist eine vernünftige und praktische Ergänzung.

Problematisch wird die Sache erst durch die politische Inszenierung, die daraus gemacht wird.

Denn kaum ist eine Fahrradpumpe aufgestellt, wird daraus in der Presse ein „sichtbares Zeichen nachhaltiger Mobilität“, ein „wichtiger Baustein“ für die Weiterentwicklung des Standortes und gleichzeitig Werbung für das geplante Besucherzentrum und den angeblichen Erfolg der Tourismusstrategie rund um den Indemann.

Genau hier beginnt die eigentliche Geschichte.

Kleine Maßnahmen sollen große Probleme überdecken

Die neue Reparaturstation kostet die Gemeinde praktisch nichts. Sie wurde vom ADAC Nordrhein aufgestellt und erfüllt ihren Zweck.

Doch die Gemeinde nutzt die Gelegenheit, um erneut dieselbe Botschaft zu verbreiten:

Der Indemann sei ein großer touristischer Erfolg.

Das Besucherzentrum werde die Attraktivität weiter steigern.

Immer mehr Besucher würden nach Inden kommen.

Und alles diene letztlich der nachhaltigen Entwicklung.

Die Fahrradstation ist dabei lediglich der aktuelle Anlass, um diese Erzählung erneut in Umlauf zu bringen.

Seit Jahren lässt sich beobachten, dass vergleichsweise kleine Projekte kommunikativ stark aufgeblasen werden, während über die eigentlichen finanziellen und strukturellen Fragen kaum gesprochen wird.

Die entscheidende Frage lautet nämlich nicht:

Braucht der Indemann eine Fahrradpumpe?

Sondern:

Welchen wirtschaftlichen Nutzen bringen die millionenschweren Investitionen tatsächlich für die Gemeinde?

200.000 Besucher – aber wo bleiben die Einnahmen?

Bürgermeister Stefan Pfennings spricht erneut von über 200.000 Besuchern jährlich.

Diese Zahl wird seit Jahren immer wieder genannt.

Bis heute wurde jedoch nie öffentlich nachvollziehbar dargestellt,

wie diese Besucherzahl überhaupt ermittelt wird,

welchen Anteil davon Radfahrer, Motorradfahrer oder Autofahrer ausmachen,

wie lange sich diese Menschen überhaupt dort aufhalten,

wie viele davon Geld in Inden ausgeben,

und welchen finanziellen Ertrag diese Besucher letztlich für den Gemeindehaushalt erzeugen.

Besucherzahlen allein sind keine wirtschaftliche Kennzahl.

Ein Parkplatz voller Autos erzeugt noch keine Einnahmen.

Viele Besucher fahren den Indemann an, machen einige Fotos, drehen eine Runde über den Parkplatz und fahren nach wenigen Minuten weiter.

Rennradfahrer nutzen ihn als Zwischenstopp.

Motorradfahrer als Treffpunkt.

Autoposer als Kulisse.

Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer dürfte vielfach netto kaum mehr als wenige Minuten betragen.

Von einer nachhaltigen touristischen Wertschöpfung kann unter diesen Voraussetzungen kaum gesprochen werden.

Millioneninvestitionen ohne überzeugendes Gesamtkonzept

Die eigentliche Kritik richtet sich deshalb nicht gegen eine Fahrradservice-Station.

Sie richtet sich gegen die Gesamtentwicklung.

Innerhalb weniger Jahre wurden rund um den Indemann erhebliche Summen investiert.

Zunächst entstand der Indemann selbst.

Es folgte das neue Besucherzentrum.

Hinzu kommt das Restaurant.

Jedes Bauwerk verfolgt für sich genommen einen Zweck.

Gemeinsam ergeben sie jedoch kein überzeugendes architektonisches oder touristisches Gesamtkonzept.

Der Indemann erinnert viele Besucher eher an eine Industrieanlage als an ein Wahrzeichen.

Das Besucherzentrum wirkt eher wie ein temporärer Ausstellungspavillon für die Euregio Wirtschaftsschau in Aachen als wie ein identitätsstiftendes Gebäude.

Das Restaurant bildet wiederum eine völlig andere Architektursprache.

Statt eines harmonischen Ensembles entstand eine Ansammlung einzelner Prestigeprojekte.

Die eigentliche Qualität der Goltsteinkuppe lag früher jedoch gerade in ihrer landschaftlichen Ruhe.

Aus einem Naherholungsgebiet wird schrittweise ein touristischer Eventstandort.

Nachhaltigkeit sieht anders aus

Besonders bemerkenswert ist die Begründung des Bürgermeisters, die Fahrradstation sei ein Zeichen nachhaltiger Mobilität.

Natürlich ist Radfahren umweltfreundlich.

Eine Reparatursäule macht jedoch noch keine nachhaltige Kommunalpolitik.

Nachhaltigkeit bedeutet in erster Linie, bestehende Natur- und Erholungsräume zu bewahren und öffentliche Investitionen sorgfältig abzuwägen.

Wer gleichzeitig immer neue Gebäude errichtet, zusätzliche Verkehrsströme erzeugt und den Tourismus weiter ausbauen will, kann sich nicht allein mit einer Fahrradpumpe das Etikett der Nachhaltigkeit verleihen.

Gerade angesichts des Klimawandels stellt sich vielmehr die Frage, ob weitere großflächige Bebauung auf der Goltsteinkuppe überhaupt noch zeitgemäß ist.

Wer profitiert eigentlich?

Für die Bürger stellt sich eine einfache Frage:

Was haben wir eigentlich davon?

Die Unterhaltung der Infrastruktur kostet Geld.

Straßen werden stärker belastet.

Verkehr und Lärm nehmen zu.

Die Gemeinde kämpft gleichzeitig mit erheblichen Haushaltsproblemen.

Die Grundsteuer gehört inzwischen zu den größten Belastungen vieler Eigentümer.

Demgegenüber stehen Einnahmen aus Parkgebühren, Restaurantbetrieb oder Freizeitangeboten, die nach allem, was öffentlich bekannt ist, kaum geeignet sein dürften, die Investitionen jemals zu refinanzieren.

Bis heute fehlt eine transparente Kosten-Nutzen-Rechnung.

Stattdessen wird immer wieder auf zukünftige Chancen verwiesen.

Doch Hoffnung ersetzt keine belastbare Finanzplanung.

Der Tourismus als Heilsversprechen

Die Entwicklung erinnert zunehmend an ein politisches Muster.

Tourismus wird als Lösung nahezu aller wirtschaftlichen Probleme präsentiert.

Mehr Besucher sollen automatisch mehr Wohlstand bringen.

Doch dafür gibt es bislang keine überzeugenden Belege.

Tourismus ist ein äußerst unsicheres Wirtschaftsfeld.

Er hängt von Konjunktur, Wetter, Freizeitverhalten und zahlreichen externen Faktoren ab.

Vor allem aber profitieren touristische Standorte nur dann dauerhaft, wenn Besucher tatsächlich Geld vor Ort ausgeben.

Genau daran bestehen erhebliche Zweifel.

Wer lediglich kurz anhält und anschließend nach Düren oder Eschweiler zu McDonald’s® weiterfährt, trägt kaum zur Finanzierung der Gemeinde bei.

Die eigentliche Debatte fehlt

Die Einweihung einer Fahrradservice-Station hätte eine Randnotiz sein können.

Stattdessen wurde sie erneut genutzt, um die bekannte Erfolgsgeschichte des Indemann-Projektes fortzuschreiben.

Doch genau diese Geschichte verdient inzwischen eine kritische Überprüfung.

Wie hoch sind die tatsächlichen Einnahmen?

Welche laufenden Kosten entstehen dauerhaft?

Wie viele Arbeitsplätze wurden wirklich geschaffen?

Welche Investitionen werden noch folgen?

Und vor allem:

Wann profitieren die Bürger der Gemeinde endlich finanziell von den millionenschweren Tourismusprojekten?

Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, wirkt jede neue Pressemitteilung wie ein weiterer Versuch, mit kleinen Symbolen von den großen Problemen abzulenken.

Eine Fahrradpumpe ist sinnvoll.

Sie pumpt jedoch keinen platten Gemeindehaushalt auf.


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